Manchmal sieht man Sachen im Fernsehen, die lassen einen nicht mehr los. Channel 4 aus Großbritannien ist ein Sender, der berüchtigt ist für seine Dokumentationen. „God’s Rottweiler“ letzten Montag etwa war genau das, was man im WJT-bejubelnden deutschen Fernsehen vermisste. Stärker als all die berechtigte Kritik an Ratzinger, an seinem Extrem-Dogmatismus und dem Kaltstellen alter Gegner, bleibt eine kurze Szene in Erinnerung, als Ratzinger (noch nicht Papst) von einem britischen Journalisten zu den Missbrauchsfällen in den USA befragt wird: Ratzinger schägt zu. Nur gegen eine Hand des Journalisten zwar, eher kraftlos auch, aber deutlich.

Spannend ist Channel 4, wenn es nicht um die üblichen Themen geht. Allein in den letzten Wochen liefen „Anmial Passions“, eine Annäherung an Menschen, die Sex mit Tieren haben, „Bollocks to cancer“, in der ein Jugendlicher heiter über seine Diagnose und sein Leben mit Hodenkrebs plaudert, oder auch „Stalking Pete Doherty“, in der ein durchgeknallter Reporter darüber berichtet, wie er vergeblich eine Dokumentation über den Ex-Sänger der Libertines drehen will – wobei der Reporter durchaus kaputter rüberkommt als Doherty, was auch eine Leistung ist.

Letzte Woche war wieder so ein Moment des Erstaunens. Zu der Eröffnung der neuen Reihe „Psycho“ brachte Channel 4 eine einstündige Dokumentation, „Kill me if you can“, und wer über einen Breitbandanschluss verfügt und über Seiten wie uknova oder gar eDonkey stolpert, der sollte erstmal nicht weiterlesen.

Es ging um einen echten Kriminalfall aus Altrincham, einem eher ruhigen Vorort von Manchester im Norden Englands. Nachgestellt mit Schauspielern, nach englischem Recht unter falschen Namen, auch wenn man bei der BBC noch eine Seite mit Orginalnamen und Bild des Opfers finden kann. „Begabte Autoren könnten eine solche Geschichte nicht erfinden“, sagte der Richter später bei der Verhandlung, und die Polizei sollte zweifellos eine der ungewöhnlichsten Ermittlungen erleben.

Es war Sonntag, der 29. Juni 2003, als die Beamten von einem 16-Jährigen in eine kleine Seitengasse gerufen werden, wo sein 14-jähriger bester Kumpel von einem Unbekannten niedergestochen worden sein soll. Die Polizei nimmt die Aussage ernst, lässt die Medien nach einem jungen Mann in schwarzer Trainingskleidung suchen und wertet Überwachungskameras aus. Schnell stellt sich heraus, dass nur die beiden Jungs in der Seitengasse waren. Nach einem Verhör gesteht der 16-Jährige, seinen Freund niedergestochen zu haben, doch das Motiv bleibt im Dunkeln.

Erst Wochen später erzählt der 16-Jährige der Polizei, er sei in einem Chat-Raum vom britischen Geheimdienst angeworben worden und habe später den Auftrag erhalten, seinen Freund zu töten. Die Polizei glaubt das erstmal nicht, doch nach einer Auswertung des Computers des 16-Jährigen, auf dem mehrere hunderttausend Zeilen von Chat-Aufzeichnungen gefunden und 58.000 ausgewertet werden, stellt sich heraus, dass er die Wahrheit erzählt.

In einem MSN-Chatroom für Teenager aus Manchester hatte der 16-Jährige (Mark) nicht nur seinen besten Kumpel (John) kennengelernt, sondern auch zahlreiche Mädels. In eines verliebte er sich gar, auch wenn er sie nie treffen sollte: Rachel. Später sollte ein Kevin im Chatroom auftauchen, der sich als „gay stalker“ vorstellt. Er wird später Rachel entführen und mit ihrer Vergewaltigung drohen, sollte Mark nicht für ihn vor seiner Kamera masturbieren. Trotz Erfüllung des Wunsches heißt es später im Chatroom, Kevin habe Rachel getötet.

Mark ist niedergeschlagen, geht aber nicht zur Polizei, sondern freundet sich weiter mit John an. Wenig später tritt erstmals Janet Dobinson auf, die sich als Agentin der Queen vorstellt. Sie wird Mark schnell erzählen, dass John eine der wichtigsten Personen in Großbritannien ist, dass Mark ihn beschützen solle, dass es in Altrincham von Spionen nur so wimmele. Schließlich würde sie auch Mark andauernd beobachten, sie wisse, was er trage, was er tue.

Mark, soviel kann die Polizei den Chatprotokollen entnehmen, glaubt die ganze Geschichte, will ein guter Agent sein. Als Janet Dobinson ihn überzeugt, aus Gründen der nationalen Sicherheit müsse John „schwul aussehend gemacht werden“ und daher sei Oralvekehr zwischen beiden nötig, erfüllt Mark auch diese Mission. Wenig später gibt sie ihm die Aufgabe, John zu töten.

Sie gibt ihm sogar den Abbruchcode „6969“ mit auf dem Weg. Am Abend des 29. Juni 2003 sticht Mark dann auf John ein; dabei sagt er nach den Aussagen beider Jungs, dass er ihn liebe. Mit zwei Messerstichen wird John lebensgefährlich verletzt, im Krankenhaus wird zweimal um sein Überleben gekämpft werden.

Doch wer ist Janet Dobinson? Die Polizei tippt lange im Dunkeln, vermutet hinter der Identität einen Pädophilen. (Letzte Warnung: jetzt wird die ganze Geschichte erzählt). Dann findet eine Beamtin den entscheidenden Hinweis: alle kuriosen Figuren im Chatraum haben den gleichen Rechtschreibfehler gemacht (mybye statt maybe). Alle Figuren – und John.

Wenig später wird John verhaftet, er gesteht schnell, seinem Freund zu dem Mord an ihn angestiftet zu haben. Johns Anwalt Jonathan Goldberg wird später von einer Geschichte wie Romeo und Julia sprechen, von einer unmöglichen Liebe und vom Todeswunsch seines Klienten.

Vor Gericht entgehen beide einer Haftstrafe nur knapp; mit Anstiftung zum Mord an sich selbst wurde juristisches Neuland betreten. Beide haben die Auflage, nicht mehr unbegleitet ins Internet zu gehen, der Aufenthalt in Chaträumen ist ihnen verboten. Und der Richter verfügte, dass Mark und John sich nicht mehr sehen dürfen.

Weiterer, ausführlicher Bericht von Vanity Fair

[Kopierter Eintrag aus altem Blog.]