Da fragt sich die ganze Medienwelt seit mindestens zwei Jahren, was Ex-Libertines-Sänger Pete Doherty (jetzt Babyshambles-Frontmann) so ruiniert hat. Man findet die absurdesten Erklärungen bzw. keine. Und dann plötzlich, in der SZ heute: „Sieben Jahre seiner Jugend verbrachte Pete Doherty, 26, in Krefeld.“ Damit ist alles gesagt, findet der Autor dieser Zeilen, 29, der 21 Jahre in Krefeld leben musste.

Der diese Jahre damit verbracht hat, wenig zur Schule zu gehen, viel Musik zu hören und Alkohol zu trinken, sich andauernd unglücklich zu verlieben und darüber in Tagebüchern zu schreiben, und der nebenbei zur Aufbesserung des Taschengeldes chinesisches Essen in die Wohnungen der britischen Soldatenfamilien brachte, wo also Pete mit seinen Eltern lebte und vermutlich ähnliches durchmachte. Wir (Krefelder) sind also Pete Doherty, und das hat was vielleicht doch was tröstendes.

Ohnehin eignet sich Krefeld für einige Anekdoten der eher unschönen Art. War dieses Blog mal als ergänzendes Medium zu queer.de gedacht, sind diesmal auch die Leser der „rik“ begrüßt: In der aktuellen Ausgabe schreibt mein alter „Queer“-Kollege und nun neuer Chefredakteur Torsten Bless in einem Editorial über seine Schulzeit, genauer gesagt über seine Mitschüler, die homophobe Sprüche in Reihe rissen und (als „Höhepunkt“) seine Mutter nachts am Telefon über seine Homosexualität informierten.

Auch heute habe sich für schwule und lesbische Schüler nicht alles verbessert, schließt Torsten aus einer Studie des Jugendnetzwerk Lambdas. Er könnte Recht haben. Die Schule, die Torsten besuchte, war das Fichte-Gymnasium in Krefeld. Zehn Jahre nach ihm sollte ich dort Abitur machen; eine Zeit geprägt auch von homophoben Mitschülern, die eines Nachts meinen Vater am Telefon über meine Homosexualität informierten. Soviel zu Krefeld. Gut, man muss Abstriche machen (Warum wollte ich immer die homophobsten Idioten als beste Kumpel haben? Warum soviel Selbstmitleid, anstatt mal in eine schwule Jugendgruppe zu gehen? usw.) Aber es war eine harte Zeit, und den Homo-Teens heute sei besseres gewünscht.

Vor zwei Jahren übrigens ist meine alte Schule fast vollständig abgebrannt (hah, wer kann schon sowas in seinem Blog schreiben?). Ich habe für die Renovierung gespendet. Vor wenigen Tagen erreichte mich eine eMail zum 10-Jahres-Treffen meines Abiturjahrgangs. Ich werde wohl hingehen. Man kann und sollte sich mit der Vergangenheit aussöhnen. Oder sollte ich jetzt besser Musik machen und Drogen nehmen?

[Kopierter Eintrag aus altem Blog.]