Nachdem ich kürzlich schon eine Korrektur zu einer „Prinz“-Geschichte über Manchester lieferte, ist nun „Der Spiegel“ dran, der sich mal der großen Genauigkeit seiner Geschichten rühmte. In seiner aktuellen Geschichte über Armut in Manchester und deren Bekämpfung geht einiges daneben. Andauernd wird von der Stadt geschrieben, selbst wenn die (politisch getrennte) Region gemeint ist. Die BBC zieht nach Salford, nicht ins benachbarte Manchester, und das hübsche Bild des Lowry-Zentrums, das die „Boomtown Manchester“ illustrieren soll – es zeigt auch Salford. Man stelle sich einen Bericht über die Stadt Essen vor, in dem die Statistik fürs gesamte Ruhrgebiet vorkommt und der mit dem Centro in Oberhausen illustriert ist.

Ohnehin wäre das Ruhrgebiet ein besseres Studienobjekt für den „Spiegel“-Schreiber, projeziert er doch Sachen von dort nach Manchester: Die Stadt symbolisiere „den Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. In seinen Minen schürften die Arbeiter den Treibstoff der Industrialisierung, in seinen Stahlwerken befeueren sie den Traum vom unendlichen Wachstum.“

Hätte es in Manchester Minen gegeben, man hätte den berühmten Bridgewater-Kanal zum Heranschaffen der Kohle gar nicht bauen müssen. Stahlwerke? In Sheffield vielleicht. Dass die Industrialisierung in Manchester „zum Synonym für einen ungezügelten, seine Arbeiter fressenden Kapitalismus“ wurde, kann sein – hat aber den Haken, dass die meisten Fabrikenbesitzer der Stadt schon kurz nach Beginn der Industrialisierung den Lebensstandard ihrer Mitarbeiter deutlich verbesserten.

Bis in die Achtziger waren die Arbeiter im Norden Englands ein von Industrie, Staat und Gewerkschaften mit Einheitslohn und Staatswohnungen eher schlecht, aber umfassend umsorgtes Völkchen. Maggie Thatcher hat in einer Radikalität damit aufgeräumt, die sich kaum mit Deutschland vergleichen lässt. Auch das nachfolgende Jobwunder und die Arbeitspolitik sind nicht vergleichbar – Hartz IV und co sind ja unter anderem deswegen unsozial, weil der Staat als Alternative zum Sozialabbau auf Arbeitsplätze setzt, die es hier nicht gibt.

Natürlich hat sich Manchester von einer Industrie- zur Dienstleistungsmetropole entwickelt. Medien waren aber beispielsweise schon immer dort angesiedelt, und wie ein Strukturwandel aussieht, haben Städte unter anderem im Ruhrgebiet schon Jahrzehnte früher vorgemacht. Als Ideengeber für Deutschland gibt der Artikel nichts her, eher als Abschreckung: auch im „Spiegel“-Bericht wird der arme Arbeitslose mit seinen Vorstellungen vom Staat im Regen stehen gelassen – im grauen Klischeeregen von Manchester, that is.