Letzten Samstag in Manchester: Der deutsche Weihnachtsmarkt, eine Mischung aus Kulturimport (Treff zum Glühwein), Anpassung an lokale Verhältnisse (Steaks zum Glühwein) und Abzocke (importierter Aldi-Spekulatius zum Wucher-Preis), war schon abgezogen. So bot sich für hunderte Kids die Möglichkeit, vor dem grandiosen Rathaus eine Flashmob-Kissenschlacht zu starten. Ein Federmeer ist nett anzusehen, wenn der Schnee fehlt. Selbst Polizei und Straßenreinigung amüsierten sich beim Zusehen:

Am Abend Morrissey in einem ehemaligen viktorianischen Bahnhof. Das G-Mex sah zuletzt den Labour-Parteitag, in dem Tony Blair Standing Ovations bekam. Das Konzert wirkte da schon eher wie Manchester: Die Vor-Sängerin Kristeen Young bekam bereits zum zweiten Lied „Morrissey, Morrissey, Morrissey“-Chöre aus dem Publikum, später auch „Fuck off“-Rufe und Toilettenrollen.

Wie schon beim Konzert in Düsseldorf gab es zum Umbau eine Abfolge von Videofilmen: u.a. James Dean in Stumm, die New York Dolls in voller Pracht und alte Eurovisions-Clips mit ORF-Kommentar. Etwa Tommy Körberg mit „Judy, Min Van“, bei dem man den Eindruck bekommt, der Mozfather entwickelt sich in seinen neueren Posen zu einem Grand-Prix-Teilnehmer. Oder Gigliola Cinquetti mit „Si“, das nett klingt und gleichzeitig so, wie man sich einen Eurovison-Song vorstellt, ohne je einen gehört zu haben:

Ich als Niederrheiner kann den Begriff „österreichischen Charme“ nicht mal unfallfrei aussprechen, aber nicht diesen Unfall, sondern diesen Charme in der Stimme muss man sich vorstellen, als der ORF-Kommentator die Sängerin als „liebreizend und entzückend wie immer“ vorstellte.

Das waren vielleicht nicht mal die richtigen Worte, aber sie waren voller Liebe und Zucker dahingeschmolzen, und sie hätten auch gut zu Morrissey gepasst. In seinen ruhigen Liedern (erhaben: das ältere „I’ve changed my plea to guilty„) folgt man jeder Mund- und Handbewegung, und die Anmut des mittlerweile lebensfrohen Mannes, diese besondere Bühnenchemie ist nett anzusehen. Und er unterhält sich neuerdings so gewitzt mit dem Publikum. Auch in Düsseldorf war Morrissey Entertainer, als er beispielsweise über pelztragende Düsseldorferinnen herzog (in etwa: They wear fur to be beautiful. Murder: beautiful. Torture: beautiful. Execution: beautiful.) Irgendwo zwischen vierter und zehnter Reihe hopsend waren auch die schnellen Lieder krachend, so das neue „Ganglord„. Und welch grandioses Opening mit „Panic“ und „First of the gang to die“ (das Video stamt aus Amsterdam)!

Am Abend noch meine Lieblinsdisko, Poptastic: Türsteher sind doch nicht immer Wichser. Sie sind es offenbar nur, wenn es sich um junge, eingebildete Aushilfs-Türsteher handelt. Kam also mal wieder rein, durfte ein Indie-Tanzfest mit zahlreichen Morrissey-Einlagen erleben und dazu das einzig wahre Weihnachtslied, „Fairytale of New York“ von den Pogues, untermalt mit von oben fallendem Kunstschnee. Zwei Weihnachtstransen, ca. 60 und 20 Jahre alt, verteilten dazu Süßigkeiten. Ja, so macht Weihnachten dann doch mal Spaß.

(flickr-Bilder von CENtral 1179, Slippy-23 und nickpickles, youtube-Video von ickleweb und oldsparkyexperience)