Eine der nervigsten Medienmythen der jüngsten Geschichte ist, dass sich Klaus Wowereit auf Druck der Bild-Zeitung geoutet haben soll. Die Geschichte ist in Wirklichkeit anders verlaufen, und als Redakteur der damaligen Zeitung „Queer“ war ich sogar beteiligt.

In seiner Autobiografie, bei der ausgerechet „Bild“ den Vorabdruck leistet, schreibt Wowereit selbst, wie er sich bereits zwei Tage vor dem legendären Coming-out bei einem Treffen des Fraktions- und Landesvorstandes outete:

„Vor lauter Begeisterung über mein Bekenntnis hatten meine Freunde von den Schwusos, den Schwul-lesbischen Sozialdemokraten, allerdings nichts Besseres zu tun, als meinen Auftritt vor der Parteispitze in der Szene herumzuposaunen. Immerhin war ich der erste Spitzenpolitiker, der sich bekannte. Keine 24 Stunden nach meinem Auftritt vor dem Landesvorstand gab das Schwulenmagazin ‚Queer‘ eine Pressemeldung heraus. Die Szene war begeistert.“

Zu den plapperfreudigen Schwusos gehörte damals auch die Lebensgefährtin unserer Berlin-Redakteurin Sabine Röhrbein, die die Sache am nächsten Morgen, einem Freitag, bei der alltäglichen Redaktionskonferenz eher beiläufig erwähnte. Während wir Kölner sofort einen im schwulen Medienmilieu eher seltenen Scoop vor Augen hatte, kam über die Telefonleitung nur ein eher lustloses und berlinerisch betontes „Naja, dann schreib‘ ich ma‘ watt, wa?“

Tat sie dann aber auch, und der immer noch Scoop-geile Online-Redakteur (ich) stellte das dann flugs mit der etwas verunglückten Überschrift „Berlin bald schwul regiert?“ online. Nachdem erste begeisterte User-Kommentare eintrudelten, entschlossen wir uns, die Sache als Pressemitteilung an Agenturen, Zeitungen und Sender zu verschicken.

Hier könnte die „Bild“-Zeitung erstes Interesse bekommen haben. Ansonsten erwähnte nur die „Frankfurter Rundschau“ kurz und ohne Quellenangabe das Coming-Out in ihrer Samstagsausgabe. Am Sonntag hatte Wowi dann sein zweites, öffentliches Coming-out in allen – sehr überraschten – Medien, während wir in der Schlussproduktion der Zeitung saßen und darauf online die nächsten Tage nicht mehr reagierten.

Wir grübelten aber dann noch lange, warum niemand unsere PM aufgegriffen hatte. Weil keiner „Queer“ kannte? Weil Journalisten Homosexualität für eine private Sache hielten? Lediglich zwei schwule Medien waren damals, noch am selben Abend, auf uns eingegangen. Die Online-Ausgabe der Siegessäule und das damalige Eurogay. Dessen damaliger Chefredakteur Stefan Mielchen baute noch Hinweise auf die sexuelle Orientierung von Ole von Beust ein, die aber ebenso verhallten. Und das ist auch gut so: hätte sich von Beust darauf geoutet, wäre uns ein schönes Schmierenskandälchen mit Hitler-Herpes erspart geblieben. Wowereits Coming-out hingegen machte ihn hingegen bekannt und beliebt.