Ich habe neuerdings eine neue Sucht (neben Rauchen, gegen Joachim Erwin sein und Episoden von Coronation Street, Love Soup, Skins und mind. weiteren 20 Serien): ich schaue gerne bei Cam4.com rein. Das ist eine Webcam-Community, in der sich mittlerweile die halbe Welt zeigt, vor allem nackt. Was natürlich auch der Hauptgrund für mein Vorbeischauen ist, aber es gibt Nebeneffekte.

So kann man psychologische Studien anstellen über das Nicht-Funktionieren von Gehirn und Höflichkeit bei Erregung eines anderen Körperteils: es ist unglaublich, wieviel Beleidigungen die Cammer teilweise erdulden müssen, vor allem auf deutsch, obwohl sie in der Regel aus dem Ausland stammen. Ich meine nicht die typischen, nur dummen User, die es auch auf queer.de gibt: die dort eine Seite aufgrund einer Überschrift aufrufen, nur um dann den Kommentar zu schreiben, dass das Thema ja wohl überflüssig sei. Diesen Grundtyp Internet-Nutzer gibt es zahlreich bei Cam4: Leute, die schreiben, dass ihnen der Typ im Einzelchat nicht gefällt. Es gibt aber auch – erschreckend häufig – härtere Kommentare. Etwa: der Dicke soll mal Platz für den Hübschen machen, Behinderte raus etc. Das sollte mal jemand strafrechtlich verfolgen und nicht nur immer die Downloads.

Ein anderer Nebeneffekt: wenn etwas passiert, erfährt man das hier recht schnell. Als es kürzlich nachts ein Erdbeben in England gab, bekam ich das (und das Gekreische zweier überraschter Tucken) live mit. Und innerhalb von wenigen Minuten hatte ich schon raus, dass das Erdbeben halb England umfasste und nicht nur Devon, wie die BBC eine gute Stunde später erstmals vermeldete. Das erinnerte mich an den 11. September 2001, als wir in der Queer-Redaktion keinen Fernseher hatten, das Internet langsam war und alles noch eher ir- bis surreal erschien – damals kam unser Chefredakteur auf die Idee, doch die Webcam des WTC-Restaurants Windows of the world aufzurufen. Im Nachhinein bin ich froh, dass es keine Verbindung gab. Und dass es zu einer Glosse, in der wir diese Stunden schilderten, erboste Zuschriften alá „Da starben Menschen“ – in Versalien – gab, war auch eine bemerkenswerte psychologische Studie. Anway, kleiner Spaßabend dank Erdbeben also, bei dem nichts schlimmes passiert ist. Internationale User waren freilich nicht begeistert: „Was faseln die denn da von nem Erdbeben? Die sollen weiterwichsen“ schrieb jemand auf Deutsch.

Dass Dating nicht viel mit Köpfchen und Höflichkeit zu tun hat, hat Graham Norton übrigens bereits vor einiger Zeit anhand eines Live-Speed-Datings bewiesen. Das war ganz großes Fernsehen: das Publikum fällt vor Lachen hörbar aus den Stühlen und ich kann mich heute immer noch beömmeln: