Ich halte es nicht mehr aus und muss doch noch was zum Ableben Erwins schreiben. „Ganz Düsseldorf trauert“ schallt es hier aus allen Medien. Das ist nicht nur maßlos übertrieben, es ist falsch. So zynisch (und auch undemokratisch) das klingen mag: andere sehen in dem 19. Mai einen Tag der Befreiung. Allerdings haben Düsseldorfer Medien auch bisher die Realität, wie untragbar dieser Mann war, maximal ansatzweise gestreift. Heute nun will man uns Düsseldorfern Trauer vorschreiben, es gibt Kondolenzbücher an mehreren Orten und bestimmt auch noch Trauer-Bändchen für alle Bediensteten (auf Armschleifen wartet der OSD ja ohnehin schon länger). Wenn nicht Zynismus, so wäre etwas Kritik und Ironie jedenfalls angebracht wesen.

Stattdessen gibt es Volkstrauertag: Der Lokalsender Center TV sendet seit Stunden Betroffenheits-Fernsehen. In den (häufigen) Sendepausen gibt es ein Live-Bild vom Rathaus: die Flaggen auf Halbmast, mit Trauerflor und ohne Ton. Zwischendurch läuft ein Nachruf-Magazin. Ein Reporter vor Ort muss andauernd erzählen, dass die Leute in Scharen zum Rathausplatz kommen und Blumen hinterlegen – bisher sinds rund fünf, vor dem Eingang der von Erwin geführten Verwaltung. Das ganze ist nur zu ertragen, da man sich über das Mikrofon des Reporters, eine Trauer-Klobürste, köstlich erheitern kann. Und der hielt das Ding die ganze Zeit so.

Nicht zu ertragen sind die Online-Kondolenzbücher der hiesigen Tageszeitungen, generell ein fragwürdiges Mittel und hier vermutlich sehr „moderiert“. Komplett würdelos ist die „Rheinische Post“: dort ist das Kondolenzbuch als Durchklick-Galerie angelegt. Es gibt sogar zwei davon: „Sein Tod ist ein großer Verlust“ mit 45 Seiten und „Der beste Bürgermeister“ mit bisher 34.

Inhaltlich wird Erwin kaum angegriffen: alle Medien wie auch eben die „Aktuelle Stunde“ des WDR loben seine Agenda. Darunter die vermeintliche Schuldenfreiheit der Stadt, als sei das wahr, ein allgemein wichtiges Ziel und der Weg dorthin nicht umstritten gewesen. Aus der Steueraffäre, wenn sie überhaupt erwähnt wurde, wurde ein politisches Manöver der Opposition, schließlich habe es keinen Beweis gegeben – so hieß es sinngemäß bei Center TV. In Wirklichkeit gab es die Hinterziehung, allerdings ließ man sie dem OB als Versehen durchgehen. Von den Eskapaden eines OSDs etwa oder von all den undemokratischen Handlungen und Äusserungen des Mannes erfährt man gar nichts.

Und dann loben sie auch noch Charaktereigenschaften, gerne und vor allem: Er hat sich nicht verbiegen lassen. Toll. Schön. Ist aber auch nur akzeptabel, wenn man für vertretbare Positionen eintritt. Es ist gerade zwei Wochen her, bevor Erwin nach China aufbrach und auf die Aufforderung einer Grünen, er solle die Menschenrechte ansprechen, die Frau als „geisteskrank“ bezeichnete. Auch mit dem anderen großen Handelspartner, Moskaus Bürgermeister Luschkow, wollte er kein heikles Terrain betreten, etwa das Recht auf einen CSD. Aber den wollte er ja selbst auch den Düsseldorfern nicht zugestehen. Ohnehin ging es immer nur darum, was er (und vielleicht noch der Rest der erweiterten Familie) wollte. Man hat ihn machen lassen.

Frank Preuss hat für die NRZ einen Nachruf geschrieben, der angemessen ist.