Die SOKO Leipzig besteht aus vier Kommissaren, die sich um die verschiedensten Fälle kümmern. Eine Prise Humor ist ebenso bei jeder Folge dabei wie Spannung und – wohl das Wichtigste – die Realitätsnähe. Explodierende Autos sind hier fast nie zu sehen, dafür jedoch gute Polizeiarbeit. (fernsehserien.de)

Ich sehe kaum deutsche Krimis, daher kann ich nicht beurteilen, ob die Soko-Leipzig-Folge „Maskenball“ (Trailer) vom letzten Freitag selten dämlich ist oder dämlich wie andere Krimis auch. An Kamera und Ton bis hin zur Arbeit des Location-Scouts habe ich nichts zu bemängeln; die Schauspieler sind eingigermaßen so lala, die Regie ist offenbar genügsam. Das Problem: das Drehbuch. Die Dialoge sind unauthentisch bis albern, der Plot hat grobe Fehler und die gesamte Handlung ist äußerst fragwürdig und regelrecht verschenkt. Aber von vorne:

Wir befinden uns in einer bemerkenswert leeren Schwulenbar (es läuft „Fuck the pain away“ von Peaches (u.ä.), immerhin). Mann im Fummel – ohne Fummel kein Schwulenkrimi – flirtet mit Mann, der offensichtliche Ex-Freund der Fummeltrine schaut entnervt zu. Mann im Fummel geht. Draußen steht ein junger Mann mit vermutlich türkischer Familienabstammung (im weiteren Verlauf im Sinne der Sendung als Türke bezeichnet), zum Missfallen des Türstehers, der den Jungen null nachvollziehbar zu einem Gesichtsfoto nötigt.

Nächster Morgen: man sieht eine Leiche, die üblichen Polizei-Absperrungen und die üblichen Forensikleute. Kommissar Jan Maybach findet an einem Plakat der Vornachts-Disco Blut (im nicht abgesperrten Hausdurchgang). Offenbar wurde das Opfer mit dem „Kopf gegen die Mauer geschlagen“, vermutet Komissarin Ina Zimmermann. Der Forensikmensch dazu: „Sieht so aus!“ Kommissar: „Vielleicht war sie ja gestern auf der Veranstaltung.“ Kommissarin, über der Leiche bückend: „Wenn Du glaubst, dass SIE auf der Veranstaltung war, dann hast Du Dich getäuscht. (Lange Pause) Und ich meine nicht die Veranstaltung. Ich meine das ‚Sie‘.“ Falls die vom Fernsehen generell für dumm gehaltenen Zuschauer nun immer noch nicht verstehen, worum es geht, zieht Zimmermann die Perücke ab. Die Kommissarin ist weiterhin bedrückt, der Zuschauer darf stattdessen lachen: „Er hat geweint. Sein Kajal ist verschmiert.

Weiter zur obligatorischen Pressekonferenz. Die für Krimis üblich toughe Journalistin fragt nach einem Zusammenhang zu angeblich schwulenfeindlichen Attacken aus den letzten Wochen (sieben Angriffe durch jugendliche Türken, die die Angriffe auf Handy gefilmt haben sollen; 3 Anzeigen, Polizei habe nichts unternommen). Polizei sieht keinen Zusammenhang. Anderer Journalist stellt anklagend und länglich eine Frage, die wohl jeder stellen würde: „Also macht die Polizei Dienst nach Vorschrift und klappert erstmal die Gendatenbank nach potentiellen Gewalttätern ab, richtig?“ Die Frage, von der Polizei mit „ganz richtig“ beantwortet, wird sich noch als wichtig erweisen…

In der britischen Show „Harry Hill’s TV Burp“ gibt es eine wunderbare Rubrik namens „TV highlight of the week“ (u.ä.), bestehend aus einem Intro mit dem gesungenen Rubrik-Titel, einem kurzen TV-Ausschnitt, der etwa eine laufende Kaffeemaschine zeigt, und zum Abschluss nochmal das Intro. Auch bei „Soko Leipzig“ finden sich solche unnütze Szenen zuhauf. Und ganze Sequenzen: Der Zuschauer muss jetzt erstmal dem jungen Türken eine Minute lang beim Fahrradfahren zuschauen, warum auch nicht, hünsch ist er, dazu gibt es wilde Zooms auf Straßenbahnen und Passanten sowie türkische Musik. Der Fahrradfahrer sieht zum Schluss, wie ein Türke von zwei Männern zusammengeschlagen wird. Die Angreifer scheinen was „für Niko“ (so heißt das Opfer) zu faseln und der Angegriffene „Schwuchteln“ zu sagen, was aber nur eine Deutung einer akkustisch kaum zu verstehenden Szene ist – vermutlich die einzige Szene mit Originalton. Anyway, im weiteren Verlauf der Handlung spielt die Szene ohnehin keine Rolle.

Schlecht nachvertont geht es im Präsidium weiter. Die Kollegen haben sich tatsächlich nicht um die schwulenfeindlichen Angriffe gekümmert. Oder, wie es dort eine Journalistin, die die Schwester von Kommisar Grimm ist, zusammenfasst: Es geht darum, „dass man in Leipzig offenbar Jagd auf Schwule machen kann, ohne dass ihr was dagegen unternehmt.“ Sollte man vielleicht dem LSVD empfehlen, die Frau.

Jedenfalls folgt also Action: Zwei Polizisten gehen in einen türkischen Treffpunkt. Dort sitzt auch der Angegriffene von zuvor. Frage an den Plot: Wie treffen die zielsicher diesen Treffpunkt? Oder, Frage eines Türken vor Ort: „Warum kommen Sie zu uns?“ Antwort: „Es gibt nicht viele Türken in Leipzig.

Währenddessen besuchen zwei andere Polizisten das fiktive sowie recht leere Schwulenzentrum „Lila Lust“. Dort sitzt der vermutliche Ex-Freund von gestern, den die Polizisten gezielt suchen. Frage an den Plot? Ach, lassen wir direkt den Ex-Freund sprechen: „Woher wissen Sie denn überhaupt, dass ich hier bin?“ Antwort: „Einer Ihrer Nachbarn hat uns gesagt, dass wir Sie hier wahrscheinlich finden können.“ Bleibt die Frage, wie sie auf den Ex-Freund kamen (die Herren wohnten zusammen, erfährt man in einer späteren Szene).

In der Türkenbar werden derweil alle Gäste in besatzungsmäßigen Tonfall gefragt, wo sie am Vorabend waren. Alle hätten gefeiert, lautet die Antwort. Kommissar Grimm: „Was habt ihr denn gefeiert, den Tod eines Schwulen?“ Danach werden alle Gäste zum Präsidium gebracht und kurze Zeit später wieder ohne weitere Handlung entlassen. (Hauptkommissar Hajo Trautzschke: „Schick sie weg. Ich muss zum Staatsanwalt. Ich hab keine Lust, dem erklären zu müssen, warum wir hier so ein Chaos haben.“ Erneut schöne Selbst-Referenz des Autors)

Danach, ich fasse die Handlung mal etwas schneller zusammen, gibt es einige Verdächtige. Etwa den Mann, mit dem Niko geflirtet hatte (gefunden über eine Telefonnummer auf dem Arm der Leiche). Er wird an seinem Arbeitsplatz (Baustelle) besucht und bekommt „homosexuellen Verkehr“ vorgehalten. Obwohl der Mann nur flirten wollte („Der sah super aus in seinen Kleid„) und keine weiteren Verdachtsmomente existieren, soll er eine Speichelprobe abgeben. Wie einige andere nicht mal ansatzweise Verdächtige auch.

Im Vergleich zu britischen Krimis, die meist sehr professionell arbeitende Polizisten zeigen, stellt sich die Frage, ob ein Drehbuchautor in Deutschland überhaupt recherchiert oder ob Polizisten sich hier tatsächliche Dinge erlauben (Anschreien, Ausflippen, andauernd zu DNA-Proben auffordern), für die britische Kollegen suspendiert würden. Aber kein Polizist der Welt würde wohl je Sätze sagen wie „Wir sind gerade dabei, hier einen Krieg anzuzetteln„. Ein Krieg zwischen Schwulen und Türken.

Anyway, trotz der akuten Kriegsgefahr bleibt der Ex-Freund, Ronny, der Hauptverdächtige. In einem Verhör wird er mit der neuen Erkenntnis konfrontiert, dass Niko vor seinem Tod vergewaltigt wurde. Es folgt ein Rückblick auf eine Klischee-Szene mit ungewöhnlicher Klatsch-Vertonung:

Der Ex-Freund gibt keinen Speichel ab. Zurück zum Schwulenzentrum. Als meine Kollegen und ich noch die längst vergessene Szene-Zeitung „Queer“ herausgaben, amüsierten wir uns mal in einer Redaktionskonferenz über einen Anruf von RTL. Für eine inzwischen längst vergessene Schwulenserie hatte man uns angeboten, Exemplare der Zeitung auszulegen – gegen Bezahlung freilich. Daran musste ich bei „Maskenball“ denken, denn im gefilmten Schwulenzentrum lagen auffällig viele Produkte aus dem Jackwerth-Verlag herum: normalerweise kostenpflichtige Hochglanz-Magazine wie „Du und ich“ sowie das Gratis-Stadtmagazin „Siegessäule“ aus Berlin, nicht Leipzig.

Jedenfalls hat Ronny bei einem weiteren Besuch der Soko im Zentrum ein Bild des jungen Türken auf dem Computer. Kommissar Grimm sieht dies, fragt aber nicht nach, obwohl dieser Ercan, soviel wissen wir mittlerweile, der Freund der Journalistin und damit der Freund der Schwester des Kommissars ist. Er war am Abend nicht zum Schwulenklatschen sondern aus anderen, unwesentlichen Gründen vor Ort, wie wir zwischendurch auch erfahren und wie auch eine weitere Speichelprobe belegt. Der Kommissar interessiert sich für das mit „Schwule Sau“ verzierte Auto vor dem Zentrum. Der Ex-Freund sagt, sein Auto sei das auf der anderen Straßenseite.

Mit diesem Auto macht Ronny nun Jagd auf Ercan, als der mit seinem Fahrrad wieder ein wenig durch die Gegend fährt. Wenig später sehen wir das Resultat eines Autounfalls, Kommissar Grimm und seine Schwester treffen zufällig auch ein und finden den jungen Türken tot unter einem Wagen. Grimm rastet aus, geht auf den Fahrer los und sagt zu seinen eintreffenden Kollegen:

Der Fahrer war schwul. Das war kein Unfall, das war eine Hinrichtung

Doch der Fahrer stellt sich als Familienvater heraus, womit er offenbar nicht schwul sein kann. Der Zuschauer ahnt nun, dass Ercan bei der Verfolgungsjagd gegen das andere Auto geriet. Der Kommisar ahnt das eine Szene später, weil Ercan kurz per Handy die Verfolgung aufgezeichnet hatte und dabei in Panik auch das Nummernschild in hochauflösendem Vollzomm gefilmt hatte…

Mit dem unschlagbaren Beweis konfrontiert gesteht Ex-Freund Ronny die Verfolgung. „Ich wollte nicht, dass er stirbt. (…) Es war ein Unfall.“ Hauptkommissar Hajo Trautzschke: „Sowas ist kein Unfall.“ (…) Grimm: „Er wars nicht“. Ronny: „Dann wars irgendeiner von den anderen Türken.“ Nun kann von dem Ex-Freund eine Speichelprobe entnommen werden. Schocker: er hat nicht die DNA des Täters. Das Team ist ratlos, doch es folgt eine bemerkwenswerte Eingebung:

Kommissarin Zimmermann: „Jan, wie hat alles angefangen?
Maybach: „Wie, wie hat alles angefangen?“
Z.: „Wie hat dieser Fall begonnen?“
(lange Denkpause)
M.: „Ein junger Mann wurde…“
Z.: „Falsch. (Pause. Rückblickende Bilder, Raumwechsel) Auf dieser CD ist die DNA des Täters. Erinner Dich mal zurück an die Pressekonferenz. Als der Journalist Dir vorgeworfen hat, dass wir nur Dienst nach Vorschrift machen.“
M.: „Ach komm, Ina, was soll das? Ich weiß, was ich gesagt habe und Du weißt, wie ich das gemeint hab. Wir machen nie Dienst nach Vorschrift.“
Z.: „Genau. Das ist hier das Problem.“
M.: „Was?“
Z.: „Was war Dein erster Eindruck, als Du Nico Blume gesehen hast?“
M.: „Ich hab‘ gedacht, das wär ne Frau.“
Z.: „Und was ist, wenn der Täter genau das selbe gedacht hat?“
(Nachdenklichkeit ausdrückendes Köpfeumdrehen bei allen Anwesenden)
M.: „Ach du Scheiße.“
Hauptkommissar Trautzschke: „Ina hat Recht. Wir haben uns auf Schwule, auf Türken konzentriert und wir haben einfach einen ganz entscheidenden Fehler gemacht. Wir haben die Gen-Datei nicht überprüft. Wir haben das Einfachste außer Acht gelassen. Scheiße.“
(Computer auf dem Rechner der Kommissarin rechnet und piept zwei Sekunden vor sich hin)
Z.: „Wir haben ihn. (…) Saß vier Jahre wegen versuchter Vergewaltigung.“
(Zoom auf Täterbild im Computer)

Das ist jetzt spätestens der Moment, sich mal ganz groß und lang aufzuregen. Krimifreunde in Whodunnit-Laune dürften sich etwa komplett verarscht fühlen, 40 Minuten Indiziensuche für nichts. Schwule können sich wegen des unoriginellen Tatmotivs aufregen, das schon vor 50 Jahren in Krimis vorkam (es hätte denn Mord gar nicht geben können, hätte der Autor den Schwulen nicht in ein Kleid gesteckt). Türken, weil sie weiterhin als Schwulenhasser dastehen. Die Gelegenheit, hier etwas sinnvolles zu einem durchaus aktuellen Thema in der Gesellschaft beizutragen, ist total verschenkt: um die Aufklärung der schwulenfeindlichen Übergriffe vor dem Mord kümmert sich der Film nun nicht mehr. Stattdessen gibt es, als letzte Szene und erste mit ihm, noch das Verhör des Täters. Eine Szene, die in Buch und Schauspiel natürlich auch komplett vergeigt ist. Aber lassen wir den Hannibal Lecter von Leipzig selbst zu Wort kommen:

Das alles wäre ja noch ok für eine dümmliche Sat1-Vorabendserie. Aber Freitags zur Primetime im ZDF? Es ist nicht zu glauben, dass der Autor so etwas abgibt, ein Redakteur so etwas abnimmt und auch Regie und Schauspieler alles brav abspielen. Aber warum auch nicht? Das Gebührengeld ist ihnen sicher.

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